Kongresshalle Nürnberg –
vom NS-Bau zum Musiktheater

von Kurt O. Wörl

Robert Vogel, Mitarbeiter im Geschäftsbereich Kultur der Stadt Nürnberg und tätig im Team der Projektbauherrn, führte uns in seinem heutigen Vortrag durch die wechselvolle Geschichte der Kongresshalle am Dutzendteich: von der NS-Architektur über Jahrzehnte wechselnder Nutzungen bis zum heutigen Umbau für Kunst, freie Szene und Musiktheater.

Dabei geht es nicht nur um Mauern und Bühnen, sondern um eine grundsätzliche Frage: Wie macht man aus einem belasteten historischen Ort einen lebendigen Teil der Gegenwart, ohne seine Geschichte zu verdecken?

Ein Bauwerk des Größenwahns, nie vollendet –
und nun auf dem Weg zu einem neuen Kulturort.

Kaum ein Gebäude in Nürnberg verbindet Vergangenheit und Gegenwart auf so widersprüchliche Weise wie die Kongresshalle am Dutzendteich. Sie wurde als monumentaler Repräsentationsbau des Nationalsozialismus begonnen, blieb unvollendet, überstand den Krieg weitgehend unbeschädigt und stellte die Stadt nach 1945 immer wieder vor dieselbe Frage: Was tun mit einem gewaltigen Bauwerk, das niemand haben will, das aber nun einmal da ist?

Robert Vogel zeichnete in seinem Vortrag einen weiten historischen Bogen. Er führte von der jahrhundertealten Freizeitlandschaft am Dutzendteich über die Reichsparteitage und den Bau der Kongresshalle bis zu den heutigen Arbeiten für einen neuen Kulturstandort und die künftige Spielstätte des Nürnberger Musiktheaters.

Lange vor den Nationalsozialisten

Das Gebiet um den Dutzendteich war keineswegs schon immer jene monumentale Steinlandschaft, mit der man es heute verbindet. Bereits seit dem Mittelalter wurde das Gelände wirtschaftlich genutzt. Später entwickelte es sich zu einem beliebten Naherholungsgebiet für die Nürnberger Bevölkerung. Im 19. Jahrhundert gehörten Rudern, Ausflüge und andere Freizeitvergnügungen längst zum Bild.

1906 fand hier die große Bayerische Jubiläums-Landesausstellung statt. Pavillons, Ausstellungshallen und sogar ein kleiner Leuchtturm prägten damals das Gelände. Drei Jahre später landete Ferdinand Graf von Zeppelin mit einem seiner Luftschiffe auf der später nach ihm benannten Zeppelinwiese. Noch in den 1920er-Jahren war die Gegend wesentlich von Freizeit, Sport und großen öffentlichen Veranstaltungen geprägt.

Dass ausgerechnet Nürnberg später zur „Stadt der Reichsparteitage“ wurde, erklärte Vogel mit mehreren Umständen. Nürnberg verfügte bereits über Erfahrung mit Großveranstaltungen, war verkehrstechnisch hervorragend angebunden und besaß für die Nationalsozialisten darüber hinaus eine besondere historische Symbolkraft.

Die Stadt hatte im Heiligen Römischen Reich eine bedeutende Stellung besessen. In Nürnberg wurden die Reichskleinodien verwahrt, und die Goldene Bulle Kaiser Karls IV. bestimmte unter anderem, dass ein neu gewählter König seinen ersten Reichstag in Nürnberg abhalten sollte. An diese Geschichte wollten die Nationalsozialisten anknüpfen. Ihr eigenes Regime sollte als Fortsetzung einer vermeintlich großen deutschen Vergangenheit erscheinen.

Bereits 1927 und 1929 fanden Reichsparteitage der NSDAP in Nürnberg statt. Die demokratisch gewählte Stadtregierung unter Oberbürgermeister Hermann Luppe stand der Weimarer Republik zwar entschieden zur Seite. Dennoch gab es in Nürnberg schon früh ein gesellschaftliches Umfeld, in dem die Nationalsozialisten Fuß fassen konnten. Nicht zuletzt wirkte hier Julius Streicher, Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“.

Von 1933 bis 1938 veranstaltete die NSDAP ihre Reichsparteitage jährlich in Nürnberg. Hunderttausende Menschen strömten jeweils in die Stadt. Diese Parteitage waren keine politischen Versammlungen im demokratischen Sinne. Es wurde weder offen um Programme gerungen noch über unterschiedliche Positionen abgestimmt. Es handelte sich um sorgfältig inszenierte Propagandaveranstaltungen mit Aufmärschen, Fahnen, Fackelzügen und dem bekannten sogenannten Lichtdom.

Ein Saal für 50.000 Menschen

Der eigentliche Parteikongress war die einzige große Veranstaltung der Reichsparteitage, die in einem geschlossenen Raum stattfand. Dafür nutzte man zunächst eine Maschinenhalle, die von der Firma MAN für die Landesausstellung von 1906 errichtet worden war. Sie stand im Bereich des heutigen Parkplatzes am Luitpoldhain und bot etwa 16.000 Menschen Platz.

Für den Größenwahn der nationalsozialistischen Machthaber war das zu wenig. Deshalb wurde im September 1935 während des Reichsparteitags der Grundstein für eine neue Kongresshalle gelegt. Sie sollte rund 50.000 Menschen aufnehmen.

Die Architekten Ludwig und Franz Ruff orientierten sich bei ihrem Entwurf unverkennbar an antiken Vorbildern. Die äußere Gestalt erinnert an das Kolosseum und das Marcellustheater in Rom. Diese Anlehnung war kein Zufall. Der Rückgriff auf griechische und römische Monumentalarchitektur gehörte zur politischen Botschaft des Regimes: Die nationalsozialistische Herrschaft sollte als Erbin einer jahrtausendealten europäischen Kultur erscheinen.

Auch technisch war das Vorhaben außergewöhnlich. Der grundwasserreiche Boden am Dutzendteich musste aufwendig befestigt werden. Hunderte mit Kies verfüllte Säulen wurden etwa 20 Meter tief in den Boden getrieben. Darüber entstand eine rund dreieinhalb Meter mächtige Stahlbetonplatte.

Bis zu 1.400 Arbeiter waren auf der Baustelle beschäftigt. Zwischen 1935 und 1939 wurden rund 27 Millionen Ziegelsteine verbaut, ein erheblicher Teil davon wurde unmittelbar auf dem Gelände hergestellt. Die Granitverkleidung war nicht bloß vor eine fertige Ziegelwand gehängt, sondern konstruktiver Bestandteil der Fassade. Das Gebäude war ausdrücklich auf Dauerhaftigkeit und monumentale Wirkung angelegt.

Der sogenannte Arkadengang ist der einzige Bereich, der weitgehend so vollendet wurde, wie es für das gesamte Bauwerk vorgesehen war. Seine Gewölbe entstanden nach traditionellen handwerklichen Verfahren, Stein für Stein, ähnlich den Gewölben alter Kathedralen.

Im Inneren sollte ein gewaltiger, überdachter Saal entstehen. Im Zentrum war die Rednerkanzel vorgesehen, hinter ihr die Führungsspitze des Regimes. Auf der gegenüberliegenden Seite sollten ein großes Orchester und eine riesige Orgel Platz finden. Auch die Lichtführung war Teil der Inszenierung: Ein monumentales Fenster in der Decke sollte die Rednerkanzel während der im September stattfindenden Reichsparteitage besonders hervorheben. Zusätzlich waren starke Scheinwerfer vorgesehen, um diese Wirkung unabhängig vom Wetter erzeugen zu können.

Ein Rohbau bleibt zurück

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden die Bauarbeiten praktisch über Nacht eingestellt. Arbeiter, Material und Transportkapazitäten wurden für den Krieg benötigt. Der eigentliche Kongresssaal war zu diesem Zeitpunkt noch nicht errichtet.

Zurück blieb der hufeisenförmige Gebäudekörper mit seinen gewaltigen Fluren, mehr als 40 Treppenhäusern und zahlreichen Nebenräumen. Die zentrale Hauptnutzfläche, der geplante Saal für 50.000 Menschen, entstand jedoch nie. Der Zustand, den man heute noch erkennen kann, entspricht daher im Wesentlichen dem Rohbau vom Ende des Jahres 1939.

Den Krieg überstand die Kongresshalle weitgehend unbeschädigt. Lediglich an einzelnen Stellen entstanden Schäden, nachdem dort Flakstellungen eingerichtet worden waren. In den letzten Kriegstagen diente das Gebäude zeitweise als Lazarett. Nürnberger suchten bei Luftangriffen in dem massiven Bauwerk Schutz, weil sie davon ausgingen, dass es durch einen gewöhnlichen Bombenangriff kaum zum Einsturz gebracht werden könne.

Nach Kriegsende nutzten die amerikanischen Streitkräfte die Kongresshalle zunächst als Lebensmitteldepot. 1947 fiel das Gebäude an die Stadt Nürnberg zurück.

Ein Erbe, das bei der Stadt blieb

Dass ausgerechnet die Stadt Nürnberg Eigentümerin dieses schwierigen Bauwerks wurde, hat mit der Konstruktion des früheren Zweckverbandes Reichsparteitagsgelände zu tun. Ihm hatten das Deutsche Reich, der Freistaat Bayern, die NSDAP und die Stadt Nürnberg angehört. Die Stadt hatte vor allem das Grundstück und die Arbeitskraft ihres Hochbauamtes eingebracht.

Nach dem Ende des Krieges existierten weder das Deutsche Reich in seiner bisherigen Form noch die NSDAP oder der Zweckverband weiter. Die Stadt Nürnberg dagegen bestand fort und erhielt das von ihr eingebrachte Grundstück zurück – allerdings mitsamt dem darauf errichteten Rohbau.

Damit befand sich Nürnberg in einer besonderen Lage. Andere große bauliche Hinterlassenschaften der NS-Zeit gehören meist dem Bund oder einem Bundesland. Die Kongresshalle dagegen wurde zur unmittelbaren Aufgabe einer Kommune.

In den ersten Nachkriegsjahrzehnten ging man ausgesprochen pragmatisch mit dem Gebäude um. 1949 fand dort eine große Bauausstellung statt, 1950 die Ausstellung zum 900-jährigen Bestehen der Stadt Nürnberg. In einzelnen Räumen wurde das Café Königshof eingerichtet, im Innenhof entstand eine Außengastronomie.

Bemerkenswert ist aus heutiger Sicht, dass bei diesen Veranstaltungen kaum darüber gesprochen wurde, wer das Gebäude zu welchem Zweck errichtet hatte. Für eine offene Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit war die Zeit offenbar noch nicht reif.

Später gab es Überlegungen, im Innenhof ein Fußballstadion zu errichten. Zeitweise wurden dort von der Polizei abgeschleppte Fahrzeuge abgestellt. Große Teile der Kongresshalle dienten über viele Jahre als Lagerflächen des Versandhauses Quelle, das von dort aus insbesondere Elektrogeräte und andere großvolumige Waren verteilte.

Mitte der 1980er-Jahre bot ein privates Konsortium an, das Gebäude zu kaufen und zu einem Multifunktionszentrum umzubauen. Vorgesehen waren unter anderem Geschäfte, Freizeiteinrichtungen und sogar ein Altenheim. Gerade diese Pläne lösten jedoch erstmals eine breitere öffentliche Debatte aus: Konnte man in ein Gebäude mit dieser Entstehungsgeschichte tatsächlich unbefangen ein Freizeit- und Einkaufszentrum einbauen?

Aus dieser Auseinandersetzung heraus verstärkte sich die historische Beschäftigung mit dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände. Der Verein „Geschichte für Alle“ entstand, und langfristig führte die Entwicklung zur Einrichtung des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände. Der von Günther Domenig entworfene Eingriff in den nördlichen Kopfbau der Kongresshalle wurde 2001 eröffnet.

Warum das Opernhaus eine neue Spielstätte braucht

Der zweite Teil des Vortrags führte vom historischen Bauwerk unmittelbar zur aktuellen Nürnberger Kulturpolitik.

Das Opernhaus am Richard-Wagner-Platz wurde 1905 eröffnet. Ursprünglich war es ein reich ausgestaltetes Jugendstilgebäude. Im Jahr 1935 ließen die Nationalsozialisten große Teile des Innenraums innerhalb weniger Monate radikal umgestalten. Verantwortlich dafür war der Architekt Paul Schultze-Naumburg.

Die ursprüngliche Jugendstilausstattung wurde dabei weitgehend beseitigt. Vieles von dem, was Besucher heute als historischen Innenraum wahrnehmen, geht deshalb nicht auf die Eröffnung von 1905, sondern auf den nationalsozialistischen Umbau von 1935 zurück. Selbst innerhalb des Regimes galt das Ergebnis offenbar als misslungen. Dennoch prägt diese Umgestaltung den Zuschauerraum bis heute und verursacht nach Vogels Darstellung auch akustische Probleme.

Inzwischen bestehen jedoch wesentlich grundlegendere Schwierigkeiten. Das Opernhaus ist technisch und baulich stark sanierungsbedürftig. Auf dem Dach müssen einzelne Ziegel eigens gesichert werden. Teile der Untermaschinerie stehen infolge veränderter Grundwasserverhältnisse im Wasser. Proben-, Aufenthalts- und Arbeitsräume entsprechen vielfach nicht mehr heutigen Anforderungen.

Hinzu kommt eine Bühne, die für die Bedingungen eines modernen Musiktheaters nur eingeschränkt geeignet ist. Das Haus war ursprünglich für eine Zeit geplant worden, in der Bühnenbilder vorwiegend aus bemalten Stoffbahnen und Kulissen bestanden. Dreidimensionale Aufbauten heutiger Inszenierungen müssen zerlegt, durch vergleichsweise enge Zugänge transportiert und auf der Bühne wieder zusammengesetzt werden.

Vor allem aber fehlt eine zweite gleich große Bühnenfläche. Auf der einzigen Hauptbühne müssen nicht nur die Vorstellungen stattfinden, sondern auch Proben und Umbauten. Nach Vogels Angaben begrenzt dies den Betrieb derzeit auf höchstens etwa 115 Vorstellungen pro Spielzeit.

Während einer mehrjährigen Sanierung müssen rund 650 festangestellte Mitarbeiter des Staatstheaters weiterarbeiten können. Zugleich benötigt man einen Spielort für ein Publikum von jährlich etwa 300.000 Besuchern. Eine leistungsfähige Ersatzspielstätte ist daher unverzichtbar.

Zwei Projekte wachsen zusammen

Die Idee, die Kongresshalle kulturell zu nutzen, entstand allerdings nicht erst aus der Sanierungsnotwendigkeit des Opernhauses. Bereits im Zusammenhang mit Nürnbergs Bewerbung um den Titel „Kulturhauptstadt Europas 2025“ hatte die Stadt Konzepte entwickelt, um in dem Gebäude Räume für Kunst und die freie Kulturszene zu schaffen.

Geplant waren Ateliers, Probenräume, Werkstätten, Arbeitsplätze, Ausstellungsflächen und Veranstaltungsräume. Auch wenn Nürnberg den Titel der Kulturhauptstadt nicht erhielt, blieben die dabei entwickelten kulturpolitischen Überlegungen bestehen.

Dieses Vorhaben wurde schließlich mit den Anforderungen des Staatstheaters verbunden. So entstehen in der Kongresshalle künftig zwei miteinander verknüpfte Bereiche: Räume für das Staatstheater und sogenannte Ermöglichungsräume für die freie Kulturszene.

Dazu gehören das Präsentationshaus mit öffentlich zugänglichen Ausstellungs- und Veranstaltungsflächen sowie das Produktionshaus mit Ateliers, Werkstätten, Probenräumen und Arbeitsplätzen. In weiteren Segmenten des Bestandsgebäudes werden Büros, Garderoben, Probenräume, Gastronomie, Kantine und Küche des Staatstheaters untergebracht.

Die unterschiedlichen Bereiche sollen nicht als voneinander abgeschottete „Kultursilos“ nebeneinanderstehen. Werkstätten, Probenräume und Arbeitsplätze des Staatstheaters und der freien Szene werden bewusst räumlich miteinander verzahnt. Begegnungen und Zusammenarbeit sollen dadurch nicht dem Zufall überlassen, sondern bereits durch die Architektur begünstigt werden.

Ein neues Theater im Innenhof

Die wirklich großen Flächen eines modernen Musiktheaters lassen sich im historischen Bestandsgebäude nicht unterbringen. Deshalb entsteht im Innenhof ein Ergänzungsbau.

Fotoquelle: Wikimedia Commons unter GNU Free Documentation License, V 1.2

Er enthält den Zuschauerraum mit Orchestergraben, die Hauptbühne mit kleiner Unterbühne, eine bühnengroße Hinterbühne, eine ebenso große Seitenbühne, eine Probebühne, eine Montagehalle und einen großen Orchesterprobensaal.

Der Ergänzungsbau wird durch mehrere Übergänge mit der Kongresshalle verbunden. Besucher betreten das neue Theater nicht unmittelbar von außen, sondern gelangen durch das historische Gebäude dorthin. Dieser Weg ist Teil des inhaltlichen Konzeptes: Niemand soll vergessen, an welchem Ort er sich befindet. Die Geschichte der Kongresshalle wird nicht hinter einer modernen Theaterfassade verborgen.

Auch architektonisch soll der Neubau nicht mit der monumentalen Steinarchitektur konkurrieren. Seine Fassade wird großflächig begrünt. Nach der nationalsozialistischen Monumentalarchitektur und dem markanten Eingriff Günther Domenigs soll kein dritter demonstrativer Architekturgestus entstehen. Der neue Baukörper soll sich vielmehr optisch zurücknehmen.

Weniger Plätze, aber erheblich mehr Vorstellungen

Der neue Zuschauerraum wird rund 800 Plätze besitzen: etwa 600 im ansteigenden Parkett und weitere 200 auf einem oberen Rang. Das sind weniger als die rund 1.050 Plätze des heutigen Opernhauses. Dafür sollen alle Plätze eine gute und direkte Sicht auf die Bühne bieten.

Für Besucher mit Rollstuhl oder Rollator sind Plätze in der Mitte des Zuschauerraums vorgesehen. Sie müssen damit nicht mehr zwangsläufig am vorderen oder hinteren Rand sitzen, sondern können den Saal barrierefrei auf einer zentralen Ebene erreichen.

Entscheidender als die reine Zahl der Sitzplätze ist jedoch die neue Bühnenorganisation. Haupt-, Seiten- und Hinterbühne sind miteinander verbunden. Dadurch können Vorstellungen, Proben, Auf- und Abbau wesentlich unabhängiger voneinander stattfinden.

Für die erste Spielzeit sind nach den Angaben des Referenten etwa 185 Vorstellungen geplant. Am Richard-Wagner-Platz sind derzeit höchstens rund 115 möglich. Die geringere Zahl an Zuschauerplätzen soll somit durch einen deutlich dichteren Spielbetrieb ausgeglichen werden.

Keine bloße Interimslösung

Von einer „Interimsspielstätte“ spricht die Stadt inzwischen bewusst nicht mehr. Das Gesamtprojekt umfasst wesentlich mehr als den Bau eines vorübergehenden Opernquartiers.

Zur Maßnahme gehören die Erhaltung und Sicherung der denkmalgeschützten Kongresshalle, die Beseitigung von Schadstoffen, umfangreiche Brandschutzmaßnahmen, der Ausbau der Räume für Kunst und freie Kultur, die Flächen des Staatstheaters sowie der Ergänzungsbau im Innenhof.

Die Gesamtkosten liegen nach den Angaben im Vortrag deutlich über 300 Millionen Euro. Eine solche Summe kann die Stadt Nürnberg nicht allein tragen. Eine wesentliche Rolle spielt daher die Förderung durch den Freistaat Bayern.

Nach dem Finanzausgleichsgesetz können Theaterbauten mit bis zu 75 Prozent der förderfähigen Kosten unterstützt werden. Damit ist allerdings eine langfristige Zweckbindung verbunden: Das geförderte Gebäude muss mindestens 25 Jahre in der vorgesehenen Funktion betrieben werden.

Beginnt der Musiktheaterbetrieb wie geplant in der Spielzeit 2028/29, wird die Kongresshalle somit für mindestens ein Vierteljahrhundert als Musiktheater genutzt. Ob während des gesamten Zeitraums das Staatstheater selbst dort spielen wird, ist eine andere Frage. Als Theaterstandort ist das Gebäude jedoch langfristig festgelegt.

Damit verändert sich auch die Bedeutung des Vorhabens. Die Kongresshalle wird nicht für einige wenige Sanierungsjahre notdürftig zum Ersatzquartier. Hier entsteht ein eigenständiger Nürnberger Kulturstandort, der weit über die Sanierungsphase des alten Opernhauses hinausreichen wird.

Geschichte nicht beseitigen, sondern sichtbar halten

Gerade darin liegt die bemerkenswerteste Aussage des Projekts. Die Kongresshalle wird weder museal eingefroren noch durch ihre neue Nutzung so verändert, als ließe sich ihre Vergangenheit ausradieren.

Historische Spuren sollen erhalten bleiben. Die Wände werden gereinigt und gesichert, aber nicht zu makellosen modernen Oberflächen umgestaltet. Vermauerte Durchgänge werden teilweise wieder geöffnet, neue Sichtachsen entstehen. Der unfertige Charakter des Gebäudes bleibt an vielen Stellen erkennbar.

Gleichzeitig ziehen Theater, Musik, Ateliers, Werkstätten und Probenräume in einen Bau ein, der ursprünglich der politischen Masseninszenierung eines totalitären Regimes dienen sollte. Die neue Nutzung widerspricht dem ursprünglichen Zweck, ohne ihn zu verschweigen.

Das Interesse der Bevölkerung ist bereits während der Bauphase groß. Bei einem Tag der offenen Tür kamen nach Vogels Angaben mehr als 4.000 Menschen. Der Chor des Staatstheaters gab im künftigen Orchesterprobensaal kleine Konzerte, an anderen Stellen des Gebäudes fanden Performances statt. Damit wurde erstmals anschaulich, welches kulturelle Potenzial in dem bisher größtenteils ungenutzten Bauwerk steckt.

Nach dem im Vortrag genannten Zeitplan soll der Musiktheaterbetrieb zur Spielzeit 2028/29 aufgenommen werden. Der Ergänzungsbau im Innenhof liegt nach Vogels Darstellung gut im Zeitplan. Anspruchsvoller bleibt der Ausbau innerhalb des historischen Bestands, dessen bauliche Eigenheiten immer wieder neue Herausforderungen mit sich bringen.

Und was wird aus dem alten Opernhaus?

Eine endgültige Verlagerung des Nürnberger Staatstheaters an den Dutzendteich ist nicht beschlossen. Der Nürnberger Stadtrat hat im Dezember 2021 grundsätzlich entschieden, das Opernhaus am Richard-Wagner-Platz zu sanieren und als Spielstätte des Staatstheaters zu erhalten. Das Schauspielhaus bleibt ebenfalls an diesem Standort und zieht nicht in die Kongresshalle.

Dennoch werden die Erfahrungen mit dem neuen Musiktheater am Dutzendteich die weitere Diskussion beeinflussen. Sollte sich die Kongresshalle als außergewöhnlich erfolgreicher Theaterstandort erweisen, wird man die künftige Nutzung des sanierten Opernhauses möglicherweise anders beurteilen, als wenn das Publikum den neuen Ort nur zögernd annimmt.

Viel Zeit für theoretische Überlegungen bleibt allerdings nicht. Der Zustand des Opernhauses wird schon in absehbarer Zeit weitere Sicherungsmaßnahmen notwendig machen. Spätestens wenn das Gebäude am Richard-Wagner-Platz weithin sichtbar eingerüstet werden muss, dürfte die Debatte über seine Zukunft neue Aufmerksamkeit erhalten.

So erhält ein Bauwerk, dessen ursprünglicher Zweck glücklicherweise niemals verwirklicht wurde, eine neue Aufgabe. Seine Geschichte verschwindet dabei nicht. Im Gegenteil: Sie bleibt sichtbar, erhält aber eine Gegenwart hinzu.

Wo einst die Kulisse für die Selbstinszenierung einer Diktatur entstehen sollte, sollen künftig Musik, Theater und freie Kunst ihren Platz finden.

Es war ein langer Vortrag, doppelt so lang wie ursprünglich vorgesehen. Der aber kam uns, wegen der interessanten Details, die uns Robert Vogel vermittelte, trotzdem kurzweilig vor. Der Applaus am Ende war verdient und unser 1. Vorstand, André Sewald, überreichte unserem Referenten zum Dank ein kleines Präsent.

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